Leseprobe: Katzenland ist überall  

Endlich war wieder Wochenende. Peti machte gleich morgens die Balkontür auf, und wir marschierten alle vier sofort raus.

Und dann hörten wir Snowflake unten maunzen. „Na, kommt Ihr mit?“

„Na klar“ riefen wir alle gleichzeitig.

Gipsy hielt das Netz zur Seite und sagte mit einer formvollendeten Verbeugung zu Paulinchen: „Ladies first“. Und etwas leiser: „Alter vor Schönheit“.

Pauli warf den Kopf in den Nacken, legte die Ohren an und sprang auf das Geländer. Mit einem eleganten Satz hing sie am Efeu und hangelte sich nach unten.

„Pauli, nicht in die Blätter beißen. Efeu ist giftig! Davon kann man sterben!“, warnte Bella ihre Schwester.

„Ach Du Kindskopf! Das weiß ich doch! Ich benutze das Zeug doch nur als Kletterhilfe!“, erwiderte Paulinchen. Unten angekommen, schüttelte sie sich einmal kräftig, um alle Blätter aus ihrem schwarzen Pelz zu entfernen und begann, sich in aller Ruhe zu putzen. „Iiih“, sagte sie plötzlich nörgelig. „Hab ich mir doch bei dieser elendigen Turnerei eine Kralle abgebrochen. Wie unangenehm. Das sieht ja tierisch ungepflegt aus. Na, die Reise fängt ja gut an. Mal sehen, was als nächstes kommt!“, jammerte sie missmutig weiter.

Währenddessen stand ich oben auf dem Balkon und redete auf Bella ein. Sie wollte einen Rückzieher machen und meinte, es würde ja wohl genügen, wenn 3 Katzen Snowflake helfen würden.

Sie hatte die Augen ganz weit aufgerissen und die Ohren ganz flach an den Kopf gelegt. „Soll ich nicht lieber hier bleiben? Dann sind Peti und Michael auch nicht ganz so traurig. Und der Weg nach Katzenland ist bestimmt auch ganz doll aufregend. Und Du weißt doch, dass ich immer so viel Angst habe. Meistens kriege ich vor lauter Angst dann auch noch Durchfall. Das wäre doch peinlich für uns alle, oder?“

„Papperlapapp“ unterbrach ich ihr Lamento. „Pauli ist schon unten, und wir waren uns doch einig. Entweder alle oder keiner! Ich verspreche Dir auch, auf Dich aufzupassen. Sieh mal, ich geh jetzt aufs Regenrohr – ist ganz leicht. Du kommst einfach nach. Ich bin direkt unter Dir und fang Dich auf, wenn Du abrutscht. Kann gar nichts passieren.“

„Mir wird gleich die Pfote lahm, wenn Ihr euch nicht endlich einigen könnt“ knurrte Gipsy, der immer noch auf dem Kratzbaum saß und mit einer Pfote das Netz aufhielt.

“Also gut!“, seufzte sie und holte einmal tief Luft. „Geh Du voran!“

Ich tat genau das, schwang mich lässig über die Brüstung ans Regenrohr, krallte die Füße in die Blätter und kletterte langsam los.

„Na komm“ rief ich ihr zu „Ist ganz leicht.“

Ich konnte von unten sehen, wie ihre kleine Pfote immer zum Geländer ging und wieder zurück. Nach dem 5. Mal hin und wieder zurück, holte Gipsy einmal tief Luft und rief ganz laut: „MAUUUU!“ . Zack, war Bella ans Geländer gesprungen. Sie hätte mich fast umgelaufen, so schnell wollte sie nach unten. Fast gleichzeitig kamen wir dort an. Ich verbeugte mich vor Snowflake und wünschte ihr höflich einen guten Morgen. Paulinchen schnaubte verächtlich und drehte sich demonstrativ um. Sie konnte wirklich so was von arrogant sein. Als wenn Höflichkeit anderen Katzen und Menschen gegenüber eine verabscheuungswürdige, schlechte Angewohnheit war.

Sie drehte sich zu ihrer Schwester Bella um und zischte: „Siehst Du, Dein kleiner Lover hat sich schon eine Andere gesucht. Ich hab Dir doch damals gleich gesagt, Du sollst Dir bloß nichts einbilden. Ist zig Jahre jünger als Du, und Du schmeißt Dich penetrant an ihn ran.“

„Aragon ist nicht mein Lover. Du weiß doch ganz genau, dass wir damit sowieso nichts mehr anfangen können, seit Peti und Michael uns zum Tierarzt gebracht haben. Ich finde ihn einfach nur nett. Er passt immer auf, dass Ihr Anderen mich nicht verhaut, und er gibt mir auch immer was von seinem Essen ab.“

„Ach, und wenn er hinter Dir herrast, ist das wohl aus purer Freundschaft, was?“, entgegnete Paulinchen schnippisch.

„Dann geht eben sein Temperament mit ihm durch, das macht doch nichts. Er ist eben ein norwegischer Waldkater und kein Perser so wie wir. Ich bin ihm deswegen nicht böse. Und er ist ja auch noch so jung.“

Während sich die beiden Schwestern stritten, sah ich die ganze Zeit Snowflake an. Ihre unterschiedlich gefärbten Augen, eines blau und das andere grün, saßen in einem kleinen, spitzen, fast dreieckigen Kopf. Sie musste eine Orientalin sein. Ich hatte mal Fotos von solchen Katzen in einem von Petis vielen Katzenbüchern gesehen. Sie hatte einen eleganten, langgestreckten Körper und kurzes, glatt anliegendes schneeweißes Fell. Ihre Beine waren lang und ihre Pfoten ganz klein und oval. Sie sah sehr zierlich und zerbrechlich aus.

„Mein Papa war ein Siamkater.“, sagte sie plötzlich.

Wenn Katzen rot werden könnten, hätte ich jetzt ausgesehen wie ein Streichholzkopf. Ich hatte sie die ganze Zeit angestarrt und vor mich hingeträumt, und sie hatte das bemerkt. Mein peinliches Hin- und Hergedrehe wurde unsanft unterbrochen: Rrumms machte es neben mir, und Gipsy kam das Regenrohr runtergerauscht. Mit einem dumpfen Plumpsgeräusch schlug er auf der Terrasse auf.

„Macht Laune, kriegt man ja richtig Tempo drauf.“, grinste er und putzte sich schnell sein graues Fell.

Als ich ihn so ansah, wurde mir schlagartig klar, dass es noch etwas Peinlicheres gab als einen kleinen, verliebten Waldkater. Einen großen, dicken Kater nämlich, der sein immenses Körpergewicht nicht am Regenrohr halten konnte und in einem Affenzahn zu uns herunterrauschte. Bella und ich lachten laut los. Auch Snowflake lachte und hielt sich dabei eine Pfote vors Maul, damit Gipsy es nicht sehen konnte.

„Na, was ist?“, brummte der. „Wollen wir hier Wurzeln schlagen, oder vielleicht noch so lange warten, bis unsere Leute merken, dass wir abhauen und uns wieder reinholen?“

Das wollten wir natürlich auf gar keinen Fall riskieren und rannten los. Bella blieb vor der Hecke noch einmal stehen, sah unser Haus an und wischte sich mit einer Pfote über die Augen. Sie war immer kurz vor’m Weinen, und jetzt konnte man deutlich sehen, wie traurig sie war.

„Komm schon“, flüsterte ich ihr ins Ohr. „Das wird bestimmt ganz spannend und interessant.“

Ich biss sanft in ihr Ohr – das hatte sie gern. Und dann liefen wir wirklich los, mitten durch die Hecke und standen schon auf der Straße. Das Abenteuer konnte beginnen................